Archiv für die Kategorie ‘Veränderung’


13. November 2011

Papademos und Monti – leise Krisenmanager

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung porträtiert heute die beiden neuen Ministerpräsidenten in  Griechenland und Italien. Lukas Papademos und Mario Monti haben offensichtlich vieles gemeinsam: Sie sind hochintelligent. Sie haben für ihre ökonomische Ausbildung ausgezeichnete Lehrer gewählt, die beide später den Nobelpreis erhielten. Sowohl Papademos als auch Monti wurden früh Professoren und gelten als Wirtschaftsexperten.

Doch am interessantesten finde ich die Parallelen in den persönlichen Merkmalen:
Papademos wie Monti meiden den offenen Schlagabtausch und scheinen eher sach- als machtorientiert zu sein. Sie gelten beide als diszipliniert, fleißig – und auch als distanziert und Menschen mit wenigen Freunden.

Zwischen den Zeilen entsteht hier das Bild zweier leiser Menschen. Sie sind es nun, die in einer Zeit zur Macht berufen werden, die gute  Krisenmanager verzweifelt dringend und drängend braucht. Was befähigt besonders leise Menschen dazu, diese schwere Aufgabe zu bewältigen? Aus meiner Sicht helfen ihnen vor allem zwei Stärken:

Erstens können leise Menschen leichter als Extrovertierte die Sache vor die Person stellen und entsprechend handeln: konzentriert und auf das Wesentliche bezogen, eher nach sachlichen Notwendigkeiten als nach Kriterien des Machterhaltes und der Popularität. Sie sind weniger darauf angewiesen, selbst im Mittelpunkt zu stehen.

Zweitens sind leise Menschen – das lässt sich sogar neurobiologisch nachweisen – eher sicherheitsorientiert, während Extrovertierte eher auf Stimulation und Belohnung ausgerichtet sind. (Dies muss nicht so ausgeprägt sein wie bei Montis Vorgänger…)

Wir leben in einer politischen und wirtschaftlichen Situation, die Sachorientierung, Vertrauensbildung und Sicherheitsstreben zu hochattraktiven Eigenschaften macht. Genau diese können leise Menschen glaubwürdig vermitteln – besonders dann, wenn sie auch noch sehr kompetent sind.

Doch es gibt auch Schwierigkeiten, mit denen viele leise Führungspersönlichkeiten zu ringen haben.

Die erste und wohl größte Herausforderung ist die Überzeugungskraft. Wie werden es Papademos und Monti schaffen, starke Koalitionen hinter sich zu sammeln, visionäre Stärke zu entwickeln und Menschen zum Handeln (und zu Opfern) zu bewegen? Wie gut werden sie politische Partner und die eigene Bevölkerung motivieren und zu neuen Wegen zu ermutigen – in einer Zeit, in der die meisten frustriert, zornig oder sogar zynisch sind?

Zweitens sind Krisenzeiten auch Konfliktzeiten. Konfliktsituationen sind bei leisen Menschen unpopulär und werden gern gemieden. Dies ist innen- wie außenpolitisch aber gerade so gut wie unmöglich: Beide Ministerpräsidenten werden sich vor allem als Konfliktmoderatoren bewähren müssen und zwischen verschiedenen Lagern und Interessen zu vermitteln haben.

Ich bin gespannt, wie Papademos und Monti ihre neuen Positionen ausfüllen werden.
Alle guten Wünsche für zwei kluge, leise Menschen!


14. September 2011

Leise? Wieso leise?

Seit gestern twittere ich nicht nur unter meinem Namen, sondern auch unter dem Account @LeiseMenschen.
Zeit für eine Erklärung: Was bringt mich zu diesem Thema? Und was ist das Thema überhaupt?

Wie so manches Neue begann auch diese Geschichte mit Ärger.
Ich ärgerte mich in meinen Weiterbildungen, wenn extrovertierte Referierende ihre Art der Kommunikation für allgemeingültig oder überlegen hielten (mein Lieblingsantibeispiel: große Bewegungen!).
Ich ärgerte mich, wenn die introvertierten Menschen, mit denen ich so gern arbeite, diese Botschaften mit sich herumschleppten und sich selbst als unterlegen bewerteten: sei es beim Präsentieren, beim Verhandeln oder beim Aufbau von Kontakten.

Beide Ärger-Anlässe entsprechen nicht den Tatsachen.
Erstens: Introvertierte Stärken in der Kommunikation unterscheiden sich von denen extrovertierter Menschen.
Zweitens: Introvertierte sind genauso gut und erfolgreich in ihren Auftritten und Gesprächen – vorausgesetzt, sie kennen ihre Stärken wie ihre Hürden und handeln danach.

Viele der erfolgreichsten, klügsten und einfallsreichsten Menschen auf diesem Planeten sind leise Menschen.
Sie fallen nur nicht so auf.

Um wieder auf den Ärger zurückzukommen: Sich zu ärgern ist nur dann sinnbehaftet, wenn die freigesetzte Energie dann auch zu etwas gut ist. Ich habe meine genutzt, um ein Buch zum Thema zu schreiben, das bald erscheinen wird. Und ich nutze sie, um über leise Kommunikation zu informieren: zum Beispiel hier und auch auf Twitter, eben unter @LeiseMenschen.

Es ist an der Zeit. (Fortsetzung folgt…)


22. April 2011

Artgerechte Haltung für Menschen: Fazit nach acht Monaten

Nach meinem Beitrag zum Muckibudenzauber haben viele Blogleser genauer nachgefragt, wie ich das genau mache mit der Ernährung und der Bewegung – und ob wirklich beides gleich wichtig ist. Nun bin ich keine Biochemikerin und keine Fitness-Expertin, und auch das Thema dieses Blogs ist ein anderes.

Aber hey – wenn es anderen hilft, was ich hier aufschreibe, wenn es sie auf neue Ideen und zu einem freundlicheren Verhältnis zu ihrem Körper bringt, dann ist das ein klarer Fall von gelungener Kommunikation: mein Thema! Außerdem habe ich während meines Selbstversuchs vieles nachgelesen und nachgefragt. Die Ergebnisse teile ich hier gern – und es passt ja auch gut ins Ende der Fastenzeit, dieses Thema!
Hier also die

Gebrauchsanleitung für den menschlichen Körper:
Die Super-Duper-Einfachversion in 10 Punkten

  1. Jeder Körper ist einzigartig: Es gibt kein allgemeines Rezept für einen starken, schlanken Körper, das für alle funktioniert. Sie können aber herausfinden, was für Sie persönlich funktioniert: was Sie gut verdauen können, wie viel und welche Art von Bewegung Ihnen gut tut.
  2. Dennoch scheint es eine für Menschen insgesamt artgerechte Ernährung zu geben, die zu mehr Energie und einem gesunden Maß an Körperfett führt. Wie viel Körperfett das in Ihrem Fall ist, hängt wieder von Ihrem individuellen Typ ab. Mein Mann hat den Körper eines Marathonläufers. Ich nicht. Das Leben ist nicht fair.
  3. Eine artgerechte Ernährung ist wichtiger als eine erhöhte Bewegungsleistung. Artgerecht bedeutet, dass
    - unser Körper genügend Nährstoffe und Energie zur Verfügung hat, und dass er
    - diese Energie nicht als Fett in die gleichnamigen Fettzellen stopft, anstatt sie in Muskelkraft, Hirnleistung oder andere schöne Dinge umzuwandeln.
  4. Diese Ziele lassen sich am leichtesten dadurch erreichen, dass Sie die Aufnahme von Zucker und Stärke deutlich reduzieren. Beide scheinen so eine Art menschliches Mastmittel zu sein: billig, gern gefuttert und Lieblinge der Fettzellen.
  5. Wenn Sie das für sich selbst testen wollen, machen Sie (na gut, nach Ostern!) ein kleines Experiment: Lassen Sie einen Monat lang abends und nur abends alles Süße und alles krass Stärkehaltige weg: Schokolade, alles Schleckerzeug, Kuchen, Gebäck, aber auch Kartoffeln, Brot, Reis, Mais, Chips und ja, auch Pasta und Pizza. Außerdem Cocktails, Fruchtsäfte, Limos und andere zuckerhaltige Getränke. Und Bier. Sorry.
    Essen Sie stattdessen abends Gemüse zusammen mit Eiweiß: Tofu, Ei, Käse, Fisch, Para- oder Macademianüsse, Krustentiere, Geflügel oder auch Fleisch. Ihre Muskeln brauchen das.
  6. Essen Sie in dieser Zeit nur drei Mahlzeiten, die mindestens vier Stunden Abstand voneinander haben sollten. Essen Sie so lange, bis Sie angenehm satt,  aber nicht vollgestopft sind. Das finden Sie am besten heraus, wenn Sie beim Essen weder lesen noch fernsehen oder twittern.
  7. Der Effekt der beiden Maßnahmen aus 5. und 6.: Ihr Körper holt sich mehr Energie aus den Fettzellen, vor allem nachts. Die tun ihrerseits das, was wir uns von ihnen wünschen: Sie schrumpfen.
  8. Bewegen Sie sich, wenn Sie Lust und Energie dazu verspüren. Die Reihenfolge ist logisch: Erst muss die Energie in die Muskeln, dann wollen wir uns bewegen. Wenn wir sie umdrehen, passiert zweierlei: Wir werden hungriger, und wir sparen die Bewegung woanders wieder ein. Ansonsten sind Kardio- und Muskeltrainings gesund – sie machen uns allein eben nur nicht dünner!
  9. Die meisten Menschen verlieren auf diese Weise Fett und gewinnen Kraft. Die Herausforderung besteht in der Konsequenz aus Punkt 1: Es gilt herausfinden, wie viel Stärke und Zucker Sie persönlich verarbeiten können, ohne dicker und schlapper zu werden. Mein Mann kann zum Beispiel Berge von Nachos, Pasta und Schokolade vertilgen und verbrennt alles. Tja. Grrr.
  10. Wenn die neue Ernährungsweise für Sie passt, so passen Sie Ihre Ernährung an Ihre individuelle Stärke- und Zuckertoleranz an. Lassen Sie beides abends weg und bleiben Sie bei drei Mahlzeiten täglich. Morgens und mittags können Sie experimentieren: Wie viel Stärke und Zucker können Sie essen, ohne wieder zuzunehmen? Wenn Sie in dem Monat Ihres Experimentes nichts abgenommen haben, dann sind Sie entweder sehr schlank, oder Sie sollten mittags wie abends essen, weil Sie besonders stärke- und zuckersensibel sind.

Das Schöne an dieser Strategie ist, dass Sie im Prinzip alles essen können – nur eben nicht zu jeder Tageszeit, und vielleicht mehr oder weniger als die Menschen um Sie herum (hier ein letztes Grrr!). Das Ganze funktioniert übrigens auch dann, wenn Sie einmal eine Ausnahme machen. Insgesamt werden Sie merken, dass Sie Ihr Hunger zwischen den Mahlzeiten schnell verschwindet, wenn Sie wieder gelernt haben, zwischendurch aus Ihren Fettzellen zu snacken.

Schicken Sie mir eine Nachricht, wenn Sie die erste Jeans in einer kleineren Größe kaufen. Das ist ein wichtiger Moment… Aber es geht hier ausdrücklich nicht um die Bedienung des allgemeinen Schlankheitswahns: Es geht vielmehr darum, dass wir gesund und stark all die Dinge tun, die wir tun wollen!

Ich wollte als Laie genauer wissen, wie Fett- und Kohlehydratestoffwechsel in Zusammenhang mit Bewegung funktionieren und habe aus diesem Buch bei weitem am meisten gelernt: Gary Taubes (2011). Why We Get Fat. New York: Knopf.

Der Mann hat Recht, findet mein Körper.


13. März 2011

Japanische Gedanken

Die Beziehung zu einem Land kann der Beziehung zu einem Menschen sehr ähneln. Wie wahr das ist, merke ich jetzt, nach der großen Katastrophe in Japan.

Drei Jahre haben wir in Japan verbracht. Unser Sohn wurde dort geboren. Freundschaften wurden dort geschlossen, unschätzbare Erinnerungen wurden geschaffen: Japan wurde zu einem Stück Heimat für uns. Nun, in dem großen Entsetzen, das uns vor den Fernseher, den PC und das Radio bannt, beginne ich zu verstehen, wie sehr Menschen an zerstörter Heimat leiden. Es tut selbst aus der Ferne weh.

Unsere japanischen Freunde sind, wie es aussieht, allesamt gesund -  und so unglaublich stark in dieser Krise. Nur wir sind leider sehr weit weg von ihnen…

Minasan, karada ni yoku ki o tsukete ne.


08. Februar 2011

Neuaufbruch: 3 kleine Dinge

Abgelegt in Veränderung

Nach meinem letzten Eintrag war es schwer, wieder einen Anlauf zu finden. Der Text steht gewichtiger da als alle anderen – und auch trauriger. Bis heute bekomme ich mails von Menschen, die ihn gelesen haben und die einen Bezug zu meiner Freundin und/oder zu mir haben. Herzlichen Dank dafür!

Mein eigenes Leben empfinde ich durch Ursulas Weggehen als Privileg. Die Zeit, die jeder Tag bringt, plane ich nicht wie früher einfach gut durch, sondern sehe sie als kostbare Ressource. Ich habe dieses Jahr mit drei Veränderungen begonnen:

Erstens trenne ich mich jeden Tag von einem Gegenstand. Es ist unglaublich, wie viel ungenutzter Kram sich ansammelt. Es ist auch unglaublich, wie leicht und froh es macht, wenn dieser Kram weg ist. Möglichkeiten zum Entsorgen gibt es reichlich: hauptsächlich all die Mülltrennungsgelegenheiten. Aber über vieles, was für mich überflüssig geworden ist, von der Kleidung bis zu Krimis, freuen sich andere Menschen.

Zweitens frage ich mich jeden Tag mindestens einmal: Was will ich jetzt am liebsten tun? Manchmal weiß ich keine Antwort. Manchmal kann ich mir nichts Schöneres vorstellen als das, was ich gerade verrichte. Und manchmal bekomme ich erstaunliche Einsichten. In meinen letzten kamen Vanilletrüffeln, ein eisernes Jugendstil-Pferdchen und zwei neue Themen für meine “Marktgespräche” vor, zu denen ich jeweils wenige kluge, tolle Menschen in meine Räume einlade.

Drittens gehe ich sehr viel bewusster mit meinen Mitmenschen um und trainiere, auf eigene Bewertungen so weit wie möglich zu verzichten. Das kommt mir bei meiner Arbeit zugute: Ich stelle meinen Klienten und Seminarteilnehmern ganz neue Fragen. Was für ein Privileg, mit klugen Menschen zu arbeiten, die dann um echte Antworten ringen! Die ersten konkreten Folgen sind sichtbar (und hauen mich um!).

Alle drei Änderungen sehen beim Niederschreiben klein aus. Es ist umso erstaunlicher, was sie an Lebensqualität bringen.  So wild und blitzend wie Ursula kann und will ich nicht leben. Aber in Sachen Intensität sieht es gut aus…


12. Dezember 2010

Requiem für eine Freundin

Ursula
15. Juni 1965 – 9. Dezember 2010

Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal einen Nachruf auf Dich schreiben würde, liebe Ursula. Da, wo wir waren, da war Leben, nicht Tod.

Lebhaft war schon unser Kennenlernen. Beide waren wir unter denen, die eine Doktorandenstelle an diesem renommierten Berliner Institut ergattern wollten. Und so trafen wir uns, als wir beim “Vorsingen” gegeneinander antraten. Der Ausgang war salomonisch und der Ausgangspunkt für unsere Freundschaft: Man richtete eine zweite Stelle ein und verzichtete auf ein Ranking.

Es folgten diese wilden Berliner Jahre, in denen wir stritten, feierten, redeten und hart arbeiteten – beide mit wissenschaftlichen Zielen und voller Ideen. Wir haben uns in unserer Verschiedenheit zusammengerauft. For the records: Du warst die lebenssprühende, extrovertierte, und auf Hochtouren laufende Version, die den Wind um die Nase brauchte… Und wenn wir etwas ernsthaft Schwieriges zu wuppen hatten, dann waren wir als gemischtes Doppel eine unbesiegbare Kombination (und Du meistens der “böse Bulle”). Erinnerst Du Dich an jenen Abend in Moabit? Und an Deine Erste-Hilfe-Aktion, als mich der Liebeskummer heimsuchte?

Beide entschieden wir uns, den Weg zur Professur gegen etwas zu tauschen, was uns mehr lag. Deine Arbeit, die Du bis in dieses Jahr hinein getan hast, begann mit einer Vermittlung, die ich nach einem Praktikum in einem Verlag übernehmen konnte. Dafür hast Du jenen Gastwissenschaftler vom anderen Ende der Welt an unser Institut eingeladen, mit dem ich nun seit 14 Jahren verheiratet bin. Wenn ich ihn und unseren Herrn Sohn ansehe, dann weiß ich: Es gibt die beiden in meinem Leben nur Deinetwegen.

In den Jahren nach der Promotion trennten sich also unsere Wege. Doch unsere Freundschaft war unabhängig von regelmäßigen Ritualen. Wenn wir uns sahen, war es, als hätten wir uns noch vor einer Woche gesehen – mochten auch drei Jahre dazwischenliegen, die ich zwischendurch in Japan verbrachte.

Wie seit unserer ersten Begegnung haben wir uns gegenseitig den Spiegel der Andersartigen vorgehalten, uns gerade dadurch gegenseitig ergänzt, bereichert und bewundert. Am meisten beindruckte mich Deine Lebensfreude, Deine Bereitschaft, Risiken einzugehen und die Fähigkeit, auch nach einer Flasche Rotwein noch messerscharf zu denken – meistens beim Sushi an unserem Kreuzberger Lieblingsort. Was haben wir gerungen – um das Wahre, um Karriere, um den Umgang mit Männern.

Dann trat der Tod in unser Leben. Du verlorst in kurzem Abstand Vater und Mutter, ich meine Mutter. Wieder rangen wir: diesmal um Fassung, um Sinnpartikel, ums Abschiednehmen und Weitergehen. Ich wünschte, es wäre bei diesen Begegnungen mit dem Ende erst einmal geblieben!

Doch dann brach 2008 der Krebs in Dein Dasein ein, mit einer aggressiven Wucht, die alles änderte. – Nein, nicht alles. Du bliebst  Kämpferin, hast Dich entschlossen und tränenlos gegen diese Krankheit gestellt. Und mehr noch: Du hast das bewahrt, was Dich ausmacht: Deine Würde, Deine Willenskraft, Deine Wahrhaftigkeit und sogar Deine Lebensfreude. Dann hast Du ein Internet-Forum aufgebaut, um anderen in Deiner Situation Austausch zu ermöglichen und sie zu unterstützen.

Du hast gelebt auf allen Kanälen (und auf Deinem Segelboot auf dem Wannsee!), mit all der Intensität, die in den Phasen Deiner Krankheit maximal möglich war. Nie vergessen werde ich Deine Sammlung wilder Perücken, die Dir während der Chemotherapie nicht nur die fehlenden Haare ersetzten, sondern mit denen Du verschiedene Identitäten ausprobiert hast. Ebenso wenig vergessen werde ich die unbekümmerte Bewegung, mit der Du an unserem Kreuzberger Lieblingsort (wieder bei Sushi und Rotwein) die blonde Perücke mit elegantem Schwung vom Kopf zogst wie einen Hut, um mir zu zeigen, wie Du “oben ohne” aussahst. Als Deine dunklen Haare wiederkamen, hattest Du Lust an der Verwandlung bekommen und trugst Deine wilde Mähne eine Zeit lang platinblond.

Ich sah Dich öfter in der letzten Phase, als Dein Haar wieder dunkel war. Als Du Deine schöne Wohnung hattest verlassen müssen, besuchte ich Dich mit Sushi (von unserem Kreuzberger Lieblingsort) und Champagner in Deinem Prinzessinnenzimmer im Hospiz, wo wir dann (so gut das jeweils noch ging) tafelten und rangen: diesmal um Tod und Lebensdinge. Um schwere Fragen.

Es kam mir bei diesen Besuchen oft so vor, als läge ein Teil von mir mit Sauerstoffgerät in diesem Bett. Genauso gut hätte ich es sein können.

Die Krankheit fraß Stück für Stück von Deiner Vitalität – eine harte, sehr harte Prüfung für eine Frau wie Dich. Doch Deine Würde, Deine Willenskraft, Deine Wahrhaftigkeit und auch Deine Lebensfreude: Was Dich ausmachte, das konnte der Krebs Dir bis zuletzt nicht nehmen. Du entdecktest, dass Piccolos reichen und Alkohol in guter Schokolade delikat sein kann. Jeden Tag schriebst Du drei schöne Dinge auf, für die Du dankbar warst – und für die Du ebenfalls ein Forum ins Leben gerufen hattest.

Noch eines hat mich tief berührt: Viele der unzähligen Impulse, die Du als begabte “Anstoßerin” anderen gegeben hast, kamen am Ende zu Dir zurück. Wohl selten muss eine Sterbende Besuche so planen, wie Du es musstest! Obwohl Du nur die Menschen ins Prinzessinnenzimmer gelassen hast, die Dir wichtig waren, waren es doch im Schnitt drei Besuche an jedem Tag, manchmal von Gruppen. Du hast viel Liebe, viel Resonanz in den Menschen hervorgerufen.

An diesem Donnerstag bist Du auf die andere Seite gegangen – dorthin, wo keine Sauerstoffgeräte und keine Schmerzen sind.

Du wirst mich weiter begleiten. Ich trage das, was uns verbindet, in die Zeit hinein, in der wir nicht mehr gleichaltrig sein werden.

Ich verspreche Dir, ich werde diese kommenden Jahre würdigen und so gut leben, wie ich es kann. Sie sind nicht selbstverständlich.

Danke für alles, was Du warst und bist.


07. November 2010

Muckibudenzauber. Über Ruhe und Kraft

“Mit zunehmendem Alter nimmt die Muskelmasse nun einmal ab und der Körperfettanteil zu. Das ist ganz natürlich.”

Es begann damit, dass ich mich beim Lesen dieser Sätze ärgerte. Genauer gesagt: Ich ärgerte mich, weil ich die Wahrheit am eigenen Leib sah und fühlte. Ich war ziemlich schwach auf der Brust geworden. Langlauf: kein Problem. Aber Liegestütze? Oder Klimmzüge? Haha! Inzwischen war beim Tragen von T-Shirts auch sichtbar, dass ich mit meinen Armen wenig mehr als einzelne Bücher stemmte, um sie vom Schreibtisch zum Regal (oder den umgekehrten Weg) zu tragen. Maximal.

Ich ärgerte mich außerdem, weil ich mich mit 45 Jahren noch nicht in ein Schicksal als werdende Alte fügen mochte. Mutter Natur mag einen besonderen Sinn für Humor haben (Sie wissen schon: wenn der Oberarm beim Winken mitwinkt!), aber ich musste ihn ja nicht ergeben teilen. Hinzu kam ein Glaubwürdigkeitsproblem. Ich fragte mich als Prinzipienreiterin: Wenn ich meinen Klienten glaubhaft vermitteln will, dass gesetzte Ziele und Strategien bei konsequenter Umsetzung gute Folgen und sichtbare Veränderungen im Leben mit sich bringen – wenn sie mir also all dies glauben sollen: Darf ich dann Oberarme haben, die so aussehen, als ob ihre Trägerin es selbst nicht kann?

Es war ganz klar Zeit für Ziele, Strategien und Umsetzung. Ich erspare Ihnen die Details und kürze ab: Seit ziemlich genau zwei Monaten mache ich regelmäßig Kardio- und Muskelaufbautraining. Ich esse mich dreimal täglich satt. Die guten Folgen und sichtbaren Veränderungen sind inzwischen sichtbar.

Und hier kommt die Überraschung: Die allerbesten Folgen hatte ich bei all der Planung und Selbstmotivation gar nicht gesehen. Wissen Sie, wie man sich fühlt, wenn eine Kraft kommt, die man zuletzt mit 18 oder 20 hatte? Un-glaub-lich! Die Beziehung zwischen Geist und Körper, über die ich so gern rede, wenn in den Seminaren Körpersprache auf dem Plan steht – diese Beziehung habe ich in einer ganz neuen Dimension kennengelernt. Wortwörtlich am eigenen Leib: Mehr Kraft im Körper wirkt wie eine Frischzellenkur fürs Gehirn! Ich arbeite ruhiger, freier und konzentrierter.

Die Muckibude, um die ich leicht naserümpfend einen großen Bogen zu machen pflegte, ist der Ort, wo ich auch die umgekehrte Wirkung vom Geist auf den Körper erfahren habe.  Die kluge @R_Fro in meiner Twitter-Timeline erklärte mir, dass inzwischen erwiesen ist: Wer Muskelübungen in Ruhe und mit innerem Fokus durchführt, baut besser Muskeln auf. Geist-Körper-Beziehung at its best!

Fazit: Krafttraining bringt mir Ruhe. Ruhe bringt mir Kraft. Als schlichtere Vergnügen kommen auf die Habenseite der Verlust einer Kleidergröße und die Lizenz für freie Oberarme. Außerdem kann ich im Zug locker meinen Koffer über die Köpfe meiner Mitreisenden in die Ablage wuppen.  Schönes Gefühl!

Das Wichtigste: Ich fühle mich glaubwürdig in dem, was ich anderen vermittle. Und ich lache fröhlich, nicht sarkastisch über Mutter Natur. Selbst sie lässt uns eine Wahl!